The Ultimate Hidden Truth of the World, p 307

What’s the Point if We Can’t Have Fun. Was ist der Sinn, wenn wir nicht Spaß haben können?
2020
Zwei Essays von David Graeber – und ein kurzer Nachruf
Heute trauern wir um unseren Freund und Gefährten David Graeber – einen unermüdlichen, einfühlsamen und weitsichtigen Denker. Ihm zu Ehren veröffentlichen wir seinen Aufsatz »Der Schock des Sieges«, den er für die fünfte Ausgabe unserer Zeitschrift »Rolling Thunder« verfasst hat und in dem er untersucht, wie Anarchist*innen sich langfristige Ziele setzen können, um nicht von unseren Siegen überrascht zu werden. Außerdem haben wir eine Erstübersetzung von seinem Artikel Was ist der Sinn, wenn wir nicht Spaß haben können?ergänzt.
Der unerwartete Tod von David hat uns kalt erwischt. Erst vor wenigen Tagen korrespondierten wir mit ihm über die Entscheidung von Facebook, anarchistische Seiten zu verbieten, um die Trump-Administration zu besänftigen. David gehörte zu den ersten, die mit einer Unterstützungserklärung antworteten, in der er klar stellte: »Nichts könnte möglicherweise gewalttätiger sein, als uns – und insbesondere unseren jungen Menschen – zu sagen, dass es uns verboten ist, auch nur von einer friedlichen, fürsorglichen Welt zu träumen.«
Dies war charakteristisch für David. Er war nicht nur ein Intellektueller – er war immer bestrebt, Stellung zu beziehen und sich selbst ins Zentrum des Geschehens zu begeben. Er beteiligte sich am Direct Action Network in New York City, dass auf der Hochphase der sogenannten ‚Antiglobalisierungs-Bewegung‘ in den Massendemonstrationen gegen die amerikanische Freihandelszone 2001 in Quebec City seinen Höhepunkt fand. Er war maßgeblich an der Gründung von Occupy Wall Street beteiligt und beteiligte sich an den darauf folgenden Debatten über ‚Gewalt‘, wobei er sich mit denselben selbstgerechten Bewegungsexpert*innen konfrontiert sah wie andere Anarchist*innen auch. Er war einer der ersten, der die internationale Aufmerksamkeit auf das revolutionäre Experiment in Rojava lenkte, als es vom islamischen Staat bedroht war, und schloss sich unserem Solidaritätsaufrufgegen die Invasion der Türkei vor einem Jahr an.
Er hat seine körperliche Gesundheit zusammen mit seinem Ruf aufs Spiel gesetzt und sowohl Tränengas als auch akademischen Vergeltungsmaßnahmen getrotzt. Nachdem Yale ihn wegen seiner politischen Überzeugungen aus der Lehre gedrängt hatte, sah sich David gezwungen, ins Ausland zu gehen, um eine seinen Fähigkeiten entsprechende Universitätsstelle zu finden. Er erhielt einen Corporate Publishing-Deal, ja, aber er bekam ihn, indem er sich weigerte, Kompromisse einzugehen, nicht indem er seine Politik verwässerte.
David schrieb – und dachte und sagte und tat – mehr, als wir hier zusammenfassen könnten. Wir hoffen, dass andere eine angemessene Lobrede auf ihn verfassen werden, in der alle seine Aktivitäten und Beiträge in einem breiten Spektrum von Bereichen beschrieben werden. Selbst wenn wir nicht einer Meinung waren – unsere Analyse der Demokratie ist zum Teil eine Antwort auf Davids Darstellung der Demokratie in Essays wie »There Never Was a West« – haben wir immer von ihm gelernt. Er war ein treuer Freund und ein würdiger Gegner.
In Graebers transzendentestem Werken, wie etwa dem Essay »Was ist der Sinn, wenn wir nicht Spaß haben können?«, setzt er sich mit den grundlegenden ontologischen Fragen von Freiheit und Kosmos auseinander. So erinnern wir uns an ihn, indem wir verschiedene Fäden zu einer Vision der Selbstbestimmung verweben, die von subatomaren Partikeln bis hin zu ganzen Gesellschaften und Ökosystemen reicht:
»Ist es sinnvoll zu sagen, dass ein Elektron ‘wählt’, so zu springen, wie es springt? Offensichtlich gibt es keine Möglichkeit, das zu beweisen. Den einzigen Beweis, den wir haben könnten (dass wir nicht vorhersagen können, was es tun wird), haben wir. Aber er ist kaum entscheidend. Dennoch, wenn man eine konsequent materialistische Erklärung der Welt will – das heißt, wenn man den Verstand nicht als irgendeine übernatürliche Entität behandeln will, die der materiellen Welt aufgezwungen wird, sondern einfach als eine komplexere Organisation von Prozessen, die bereits auf jeder Ebene der materiellen Realität ablaufen –, dann macht es Sinn, dass etwas, das zumindest ein wenig wie Intentionalität, etwas das zumindest ein wenig wie Erfahrung, etwas das zumindest ein wenig wie Freiheit ist, auch auf jeder Ebene der physischen Realität existieren müsste.«
Er verstarb im jungen Alter von 59 Jahren. Wir sind im Herzen bei allen, die er hinterlassen hat. Wir trauern um seinen Tod und trauern um all die Dinge, die David noch nicht mit uns geteilt hat.

Das Essay, das wir hier vorstellen, entstand aus einer Diskussion über das Erbe antikapitalistischer Kämpfe um die Jahrhundertwende, während der Proteste gegen die Welthandelsorganisation und die Weltbank, und gegen die Vorschläge von Freihandelszonen (wie die Amerikanische Freihandelszone). Anarchist*innen und andere antikapitalistische Demonstriende spielten eine wichtige Rolle bei der Delegitimierung der WTO und der Weltbank und konnten sogar die Verabschiedung des FTAA-Abkommens verhindern – doch danach waren viele Teilnehmer*innen der Bewegung niedergeschlagen und bestürzt darüber, dass es uns nicht gelungen war, den Kapitalismus vollständig abzuschaffen.
Im Anschluss an diese Diskussionen luden wir David ein, seine Gedanken in einem Essay für Rolling Thunder auf Papier zu bringen, und das Ergebnis war das folgende Essay.
Dabei ist Davids Argumentation, dass wir Anarchist*innen oft unvorbereitet auf unsere Siege sind, heute aktueller als zu Beginn des Jahres 2008. In den letzten Jahren ist es Anarchistinnen und anderen Befürwortern der Abschaffung der Polizei, der Gefängnisse und des bestehenden Strafrechtssystems gelungen, die Vorstellung zu popularisieren, dass all dies ungerechte Institutionen sind, die keine Legitimität haben, unser Leben zu regieren. Es überrascht nicht, dass Autoritäre und Polizei mit ungeheurer Gewalt gegen uns vorgegangen sind. Gefangen in einem Zermürbungskrieg mit nächtlichen Zusammenstößen bekommen die Demonstrant*innen leicht das Gefühl, dass wir verlieren – obwohl wir auf historischer Ebene bereits einige Ziele erreicht haben, die noch vor wenigen Jahren undenkbar schienen. Die Frage – 2008 wie heute – ist, wie wir uns Strategien für einen ausreichend langen Zeitrahmen machen können, um das Beste aus unseren Siegen zu machen, anstatt angesichts der verzweifelten Schläge der Reaktion in Resignation zusammenzubrechen.
Wir bitten alle eindringlich, Davids Arbeiten zu lesen und die Projekte von David aufzugreifen, die bei euch auf Resonanz stoßen. Er sollte in unseren Bewegungen mit uns zusammen sein, zu uns sprechen und in unseren gemeinsamen Aktionen und Visionen weiterleben.


